Transformation Design Collective

Bei Cacao de Paz trifft ein Agrarethiker auf vier Transformation Designer_innen. Aber was ist das eigentlich, Transformation Design?

Kurz gesagt ist es die Haltungen, mit der wir an unsere Arbeit als Designer_innen herangehen. Über Uwes beruflichen Werdegang zum Agrarethiker haben wir in einem der letzten Beiträge ausführlicher berichtet. Hier wollen wir euch unsere Sicht auf Transformation Design näher bringen.
Sina und Marie entwickeln mit ihrem Studio NEA Kommunikationsdesignprojekte mit konzeptionellem und oftmals partizipativem Hintergrund für Print, Bildschirm und Raum.
Sarah und Kristof bieten mit ihrer Agentur Von A und Z Inspirationsmanagement an und beraten bei der Durchführung Innovationsprozessen. Im Design gibt es zahlreiche Anwendungsgebiete, auf die man sich spezialisieren kann. Das geht vom generellen Produkt- und Grafikdesign, über spezifischere Ansätze wie Advertising Design, Lichtdesign, Farbdesign, Fotodesign bis hin zu Dienstleistungsbeschreibungen, die sich den Designbegriff zueigen machen (wie Nail Design oder Event Design).
Tranformation Design ist für uns eher eine Einstellung oder Haltung.
Der Titel des Buches, das Kristof und Sarah im November 2015 mit herausgegeben haben, lautet entsprechend “Transformation Design: Perspectives on a new design attitude.” Diese Haltung vertreten und formen wir vier seit fast fünf Jahren und haben dazu gemeinsam das ›Transformation Design Collective‹ ins Leben gerufen.

A new attitude
Das Wort Transformation leitet sich vom lateinischen „transformare“ ab und bedeutet umformen, verwandeln, verändern. Eine Verwandlung ist aus unserer Sicht etwas Tiefgreifendes und unterscheidet sich von einer oberflächlichen Veränderung.
Als wir 2010 anfingen uns mit der Haltung des Transformation Design zu beschäftigen, inspirierte uns vor allem ein Konzeptpapier der sogenannten RED Unit, eine Gruppe des Design Council aus Großbritannien, die 2004 den Begriff ins Spiel gebracht hatten. Die Red Unit proklamierte in ihrem Manifest „Transformation Design“ als ein geeignetes Mittel, um einen (gesellschaftlichen) Wandel herbei zu führen und neue Formen der Innovationsgestaltung zu generieren. Kern der Transformationsgestaltung sei nicht das Objekt, sondern die Beziehung, die sich in Form von Services, Organisationsstrukturen oder Berufsprofilen etc. gestalten lasse.
Das Wort „Beziehung“ war für uns der Schlüsselbegriff. Wir haben kein Interesse an einer Weltverbesserung in dem Sinne, dass wir Lösungsvorschläge ausarbeiten, was wie besser zu gehen hat. Unserer Meinung kann das nur schief gehen, wenn einer dem anderen sagen will, wie es richtig zu gehen hat. Wir wollten unsere Design-Werkzeuge zur Verfügung stellen und die Beziehungen zwischen Menschen in den Mittelpunkt unserer Tätigkeit rücken. Unsere Vision ist es mit allen Disziplinen respektvoll, konstruktiv und kreativ Lösungen für eine neue Gesellschaft zu erarbeiten.

Design als Werkzeugkasten
Für solche politischen und sozialen Veränderungsprozesse eignet sich der Werkzeugkasten des Designs und die Haltung des Transformation Designs super. Natürlich gibt es dabei Unterschiede zur klassischen Herangehensweise im Bereich der Gestaltung, beispielsweise des Produktdesigns.
Ein elementarer Unterschied ist, dass wir in erster Linie keine Produkte oder Services für den Markt gestalten. Wirtschaftlichkeit und Produktionsbedingungen sind somit erst einmal zweitrangig. Unser Fokus ist die Gesellschaft mit all ihren kleinen Untereinheiten an sozialen Gruppen, Familien und Gefügen. Wenn wir also Services oder Produkte gestalten, konzentrieren wir uns auf die gesellschaftlichen Auswirkungen und nicht auf die marktwirtschaftlichen. Aus dieser Perspektive ist es für uns weniger relevant Nutzer- oder Zielgruppen und ihre Bedürfnisse ausführlich zu beleuchten, wie es zum Beispiel im Marketing vorrangig ist. Uns geht es eher darum, Menschen zu motivieren sich in sozialen Prozessen zu beteiligen und Räume zu öffnen, in denen wir gemeinsam gestalten können.

Durch unser Studium haben wir uns neben den handwerklich-gestalterischen Fähigkeiten die designerische Denkweise (Design Thinking) aneignen können, die es uns ermöglicht Perspektivwechsel vorzunehmen, Unsichtbares sichtbar zu machen, Dinge neu zu interpretieren, zu hinterfragen und daraus Konzepte zu entwickeln.
Was wir uns für Transformation Design zusätzlich aneignen mussten, ist grundlegendes Wissen über menschliche Beziehungen aus Sozialwissenschaften, Psychologie und Ethnografie und Fähigkeiten in Pädagogik, Bildung und Know-How in Sachen Workshopdurchführung.

Socially active design
Die Tatsache, dass Design sich um soziale und gesellschaftliche Themen dreht ist natürlich nicht neu. In Deutschland gibt es dazu eine lange Tradition (Werkbund, Bauhaus, Ulm, Partizpatives Design in den 70ern uva.) Was man aus unserer Sicht aktuell aber bemerken kann, ist ein verstärktes Interesse und eine neue Qualität für Design im Kontext sozialer Themen.

„There is a stream of consciousness and activity around what could be thermed „socially active design“, where the focus of design is society and its transition and/or transformation to a more suistanable way of living, working and producing“ (Fuad Luke 2009)

Design wird politischer und geht in Bereiche die bis dato Sozialarbeitern, Aktivisten, Gemeinden oder Städteplanern eigen waren. Wir möchten dieses Feld mit Cacao de Paz um Social Entrepreneurship ergänzen.

Micro Utopias
Wir glauben, dass es keine großen Gruppen benötigt, um gesellschaftliche Veränderungsprozesse anzustoßen und folgen dem Gedanken der Micro Utopias von John Wood. Er sagt, dass gelingender Wandel eine offene, experimentierfreudige Gesellschaft braucht, die spielerisch und wagemutig Ideen entwickelt und engagiert nach vorne schaut.
Er plädiert dafür, diese Form von Gesellschaft durch zahlreiche sogenannte “Micro-Utopias” zu befeuern. Damit meint er verschiedene Orte in unserer Gesellschaft, an denen soziale, ökonomische oder ökologische Alternativen erarbeitet und erprobt werden. Das können Nachbarschaften, Vereine, soziale Bewegungen oder Transition Towns, regionale Währungen, Gemeinschaftsgärten, Fab Labs, Sharing Bewegungen und mehr sein.
Solche Formen der Micro Utopias haben wir durch vergangene Projekte in unserer Arbeit bereits angestoßen. Zum Beispiel durch das Festival der Utopie, das wir seit 2013 gemeinsam als Team mit durchgeführt haben, das Projekt ›Ein Laden _‹, bei dem das Studio NEA in einer Zwischennutzung einen Ort als interaktives Experiment der Begegnung zur partizipativen Stadtentwicklung im Braunschweiger Friedrich-Wilhelm Viertel schufen oder das Pop-up Büro von “von A und Z”, bei dem ein leerstehendes Café in ein temporäres Festivalbüro und einen Veranstaltungsort verwandelt wurde.

Auch Cacao de Paz gehen wir aus unserer Haltung als Transformation Designer_innen an und wagen uns in die Welt des Sozialunternehmertums vor. Eine Form des Wirtschaftens, die nicht den Profit nach oben stellt, sondern die wirtschaftliche Tätigkeit zur langfristigen Lösung sozialer Probleme ansieht.