Dr. Uwe Meier will handeln

Andere fangen an Golf zu spielen, wenn sie pensioniert werden oder widmen sich der Taubenzucht. Uwe Meier sucht nach Friedenskakao im Regenwald von Kolumbien.
Als wir ihn kennenlernen ist er Ende sechzig und hat ein Berufsleben als Agrarwissenschaftler in der Bundesforschungsanstalt (Julius-Kühn-Institut) in Braunschweig  hinter sich. Seine Arbeitsthemen: Pflanzenschutz sowie die Entwicklung von Kulturpflanzen. Ein Herzensanliegen, das er nebenbei bearbeitete, war die ökologische und soziale Standardsetzung bei der Produktion von Pflanzen für Internationale Standardorganisationen, z. B. im Bereich Schnittblumenanbau für Kenia, Ecuador und Kolumbien. Einer seiner Erfolge sind die „Fair Trade“- Logos auf den Blumensträußen von REWE, EDEKA, PENNY und NETTO, die unter anderen auch auf Uwe Meiers sozio-ökologisch orientierten Standards aus den 90er Jahren zurückzuführen sind.

Eigentlich sei er Gärtner, sagt Uwe Meier Und immer, wenn er uns besucht, wächst unser botanisches Know-how. Wir wissen dann zum Beispiel, dass der krepelig aussehende Baum im Hof in die Vorwinterruhe gegangen ist (im Juli) und wie man mit den Pheromonausdünstungen von sterbenden von Blattläusen andere Blattläuse vertreibt. Uwes Gärtnerherz spielt bei unserer Geschichte eine besondere Rolle.

Am meisten wächst unser Wissen über eine exotische Pflanze, die uns in Form von Schokoriegeln, Trinkschokolade und Torten so selbstverständlich vorkommt wie ein Apfel aus Nachbars Garten: Kakao. Wir hören und staunen darüber was uns Uwe über diesen Rohstoff, seinen Anbau, seine Herkunft und Geschichte erzählt.

Mission Kakao

Uwe Meier mit einer Kakao FruchtIm November 2015 steckten wir das erste Mal die Köpfe zusammen, kurz bevor Uwe Meier zum zweiten Mal in Sachen Kakao nach Kolumbien reist, begleitet von UNDOC, einer kolumbianischen Unterabteilung der UNO, und der Schweizer NGO SWISSCONTACT Colombia. Er will in der Sierra Nevada de Santa Marta und im Gebiet des mittleren Rio Magdalena nach Genossenschaften und Kleinbauern Ausschau halten, von denen er Kakao erwerben kann.
Bereits im Januar 2015 war er in Kolumbien gewesen und hatte in der Provinz Caquetá die Kooperative Solano und die indigenen Stämme im Gebiet von Araraquara besucht.

Seine Mission: den ›ultimativen Kakao‹ der Menschenrechte und Generationengerechtigkeit finden und weiterentwickeln. Im Grunde versteht sich Uwe Meier als Permakultur-Designer. Die Motivation dahinter: die theoretischen Inhalte, die in seinem Buch ›Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft‹, das er als Herausgeber 2012 veröffentlichte, in die Tat umsetzen. Er möchte Kakao finden, der seinen agrarethischen Ansprüchen genügt und der dem Friedensprozess in Kolumbien dient.

Frieden in Kolumbien? Ist da Krieg?

In Kolumbien herrscht seit einem halben Jahrhundert ein bewaffneter Konflikt mit geschätzten 200.000 Toten (seit 1964). Die linke FARC-Guerilla hatte sich aufgrund der extrem ungerechten Landverteilung und der weiter zunehmenden Landdiebstähle gegründet und führte einen Kampf an zwei Fronten: gegen die von Unternehmerseite aufgestellten Paramilitärs (Paras) und gegen das Militär der eher konservativen kolumbianischen Regierung, die teilweise widerrum die rechten Paramilitärs unterstützte.
Am meisten leidet die kolumbianische Bevölkerung unter dem Krieg, was etwa sieben Millionen interne Flüchtlinge widerspiegeln. Die Liste an Massakern ist lang. Als entscheidende Finanzierungsquelle des Konfliktes gilt bei der FARC und den Paramilitärs der Kokaanbau und der Handel mit Kokain. Bei der kleineren Guerillaorganisation ELN ist es die Entführung von Menschen.
Für viele Kolumbianer, vor allem in den entlegenen Regionen, ist der Kokaanbau die einzige lukrative Einkommensquelle. Dadurch sind viele Kleinbauern des Landes in einer Gewaltspirale gefangen und leben mit der Bedrohung der Guerillas und Paras auf der einen Seite und dem Risiko, dass die Regierung ihre Koka-Ernte vernichtet auf der anderen Seite.

Die Friedensverhandlungen zwischen der FARC-Guerrilla und der kolumbianischen Regierung haben in diesem Sommer in Havanna (Kuba) zunächst große Fortschritte gemacht. Im Juli konnten sich Kolumbiens Präsident Santos, Raúl Castro und FARC-Führer Timoshenk auf einen unbefristeten Waffenstillstand einigen. Gestern am 2. Oktober folgte die Volksabstimmung über den Friedensvertrag. Überraschenderweise haben die Kolumbianer ihn abgelehnt. Laut Spiegel Online werfe diese Entscheidung das Land um Jahre zurück. Wie kann es nun weiter gehen mit dem Friedensprozess? Kommt es zu Nachverhandlungen? Ein Grund für das NEIN wird zum Beispiel in den Zugeständnissen bezüglich weitesgehender Straffreiheit für die Rebellen gesehen. Von Regierungsseite hieß es, man wolle unbedingt an der Waffenruhe  festhalten. Auch die FARC unterstreichen ihre Bereitschaft zum Frieden. Die nächsten Wochen werden mehr Klarheit bringen. Mehr denn je, stellt sich die Frage wie die Menschen sich in diesem Konflikt eine friedliche Existenz – jenseits von Koka, Drogenkartellen und Gewalt – aufbauen können?

Eine Chance dazu bietet unter anderem der Wechsel vom Koka- zum Kakaoanbau. Mit Kakao, zu einem fairen Preis gehandelt, wird im Gegensatz zu Koka ein legales Produkt angebaut, dass bedeutet die Bauernfamilien sind nicht mehr erpressbar und können sich eine nachhaltige Perspektive aufbauen.

geöffnete Kakao Frucht
Die Idee vom friedlichen, direkten Handel

Uwe Meier kennt sich in Kolumbien und seinen Nachbarländern aus. Er ist dort in seinem Berufsleben viel unterwegs gewesen, hat Blumenunternehmen in Kolumbien beraten, kümmerte sich um Ananas und Bananen in Costa Rica, Kakao in Nicaragua oder Kaffee in El Salvador. Er denkt auch, dass im Anbau von hochwertigen Kakaosorten eine große Chance für die Gestaltung von Frieden liegen kann.
Was er inzwischen nicht mehr glaubt, ist dass Label bei der öko-sozialen Glaubwürdigkeit der Produktion, eine entscheidende Rolle spielen. Er findet, aufgrund seiner vielfältigen praktischen Erfahrungen, Zertifizierungsprozesse in den sogenannten ›Entwicklungsländern‹ mittlerweile fragwürdig.

»Zertifizierung bringt kein agrarethisches Verhalten in die Landwirtschaft, sofern es diesen Anspruch überhaupt gibt.«, wettert er. Zu diesem Thema redet er sich auch gerne in Rage. Über die unsinnigen Auflagen, die hohen Kosten für alle Beteiligten, die komplexen Industrieinteressen, die oft am Bedarf vor Ort vorbei gingen, und generell darüber dass die vermeintliche Kontrolle über Label nur unser Misstrauen gegenüber den Kleinbauern zeigt.
Außerdem hätten kleine Farmen und Initiativen eh keine Chance, weil die Zertifizierung kostspielig und langwierig sei.
Am liebsten erzählt er in diesem Zusammenhang von einem Gespräch, das er mit einem Arhuaco-Indigenen in der Sierra Nevada de Santa Marta geführt hat, der ihn erstaunt fragte: »Ihr wollt unseren Kakao zertifizieren? Wir leben seit jeher im Einklang mit der Mutter Erde. Ihr macht Sie doch kaputt. Wir müssten Euch zertifizieren und entscheiden, ob ihr es wert seid unsere Ernte zu bekommen!«

Uwe Meier will nicht mehr zertifizieren. Uwe Meier will handeln. Mit kolumbianischem Kakao und mit einem höheren Anspruch als ihn die EU-BIO-Zertifizierung hat. Er will kein Label, er will Vertrauen. Und er will direkt mit den Bauern einen fairen Preis aushandeln. Und ein elementarer Teil seines Traumes ist es, etwas an der Haltung und dem Konsumverhalten in Deutschland zu verändern. Aber wie macht man aus Kakao eine Marke und ein Produkt? Wie erzählt man diese Geschichten, die ihm so wichtig sind?

An dem Punkt bittet er uns um Hilfe. Er braucht Unterstützung für sein Vorhaben … und gerät ausgerechnet an vier Transformation Designer_innen.

(Fortsetzung folgt …)